Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie
 Universitätsmedizin Leipzig

Keimzelltumoren

Intrakranielle Keimzelltumoren treten in der Mehrzahl im Bereich der sogenannten Pinealisregion auf. Sie bilden etwa 85 % aller Tumoren, die dort entstehen können. Der Häufigkeitsgipfel liegt in der Altersgruppe der 13-14-Jährigen. Die Tumoren stammen aus dem Keimepithel der vorgeburtlichen Reifungsperiode. Während dieses Abschnittes der Entwicklung entstehen aus diesen Zellen normalerweise die Fortpflanzungsorgane (Eierstöcke bzw. Hoden). In dieser Zeit können diese frühen Vorläuferzellen jedoch in ihrem Zustand verbleiben und später (nach der Geburt) zu Keimzelltumoren entarten. Hierbei können versprengte Zellverbände Tumoren nicht nur in den Hoden und Ovarien sondern prinzipiell auch an anderer Stelle im Körper, unter anderem im Brustkorb, vor allem aber auch innerhalb des Zentralnervensystems, entwickeln. Hier treten sie überwiegend mittelliniennah auf, das heißt sie entstehen in der Pinealisregion, aber auch oberhalb der Hirnanhangsdrüse (= suprasellär). Daneben können sie sich entlang der Wände der großen Hirnwasserkammern ausbreiten (siehe Abbildung). Ebenso können sie auch nach hinten, Richtung hintere Schädelgrube, vorwachsen. Ausgehend von der Pinealisregion können sie auch seitlich in das Zwischenhirn einwachsen. Eine Aussaat über die Hirnwasserwege wird bis zu 57 % der Fälle beobachtet. Feingeweblich bilden sich in der überwiegenden Mehrheit sogenannte Germinome. Das feingewebliche Bild entspricht den Tumoren, die auch in den Hoden und Eierstöcken auftreten können. Seltener kommen andere Tumorformen, die sogenannten Chorio- und Embryonalzellcarcinome oder Dottersacktumoren und Teratome vor. Die Tumoren können gelegentlich aber auch aus mehreren Komponenten bestehen (sog. Mischtumoren).

Aufgrund ihrer Lage innerhalb des Kopfes können sie unterschiedliche klinische Erscheinungsbilder hervorrufen. Treten sie in der Pinealisregion auf, können sie durch einen raumfordernden Effekt die normalerweise bereits enge Verbindung zwischen den großen seitlichen Hirnkammern und den Hirnwasserkammern der hinteren Schädelgrube verschließen. Dadurch kommt es zu einem Aufstau des normalen Hirnwasserabflusses mit Zunahme des Druckes (sogenannte Hirndrucksymptomatik). Diese ist gekennzeichnet durch Übelkeit und Erbrechen. Die Symptome werden häufig begleitet von Störungen der Augenbeweglichkeit. Ein typisches klinisches Bild ist die Unfähigkeit, den Augapfel nach oben zu bewegen (sogenannte vertikale Blickparese/Parinaud). Daneben können auch Schwindel und Bewegungsstörungen sowie ein Zittern des Augapfels (sogenannter Nystagmus) erzeugt werden. Infiltriert der Tumor die seitlichen Hirnareale des Zwischenhirnes, kann es auch zu Störungen der Hormonfunktionen kommen. Häufig ist ein Hormon, das den Wasserhaushalt des Körpers steuert, betroffen, so dass es zu einem deutlich vermehrten Wasserlassen bei gleichzeitig vermehrtem Durstgefühl kommt (sog. Diabetes insipidus).

Die intrakraniellen Keimzelltumoren erfordern spezielle Therapien, die sich an etablierten Erfahrungen orientiert. Hierdurch kann heute in einem hohen Maße eine Heilung erreicht werden. Weicht die Behandlung von diesen Konzepten ab, steigt das Risiko für einen Rückfall deutlich an.

Reines Germinom / bifokal (Pinealis und suprasellär) mit Tumorausbreitung in die Seitenventrikel und den 4. Ventrikel

Abbildung Keimzelltumoren

 
Letzte Änderung: 14.04.2015, 12:21 Uhr
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