Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie
 Universitätsmedizin Leipzig

Struktur und Arbeitsinhalte des Studien- und Referenzzentrums

Nach 15 Jahren Erfahrung des Strahlentherapie-Referenzzentrums Tübingen in den Studien HIT 88/89 und 91 mit einer für alle betroffenen Kinder gemeinsamen, unabhängig vom Risikoprofil erfolgten Strahlentherapie zur Behandlung von bösartigen Hirntumoren wird im prospektiven Protokoll HIT 2000 eine individuell angepasste Bestrahlung in Deutschland, der Schweiz und Österreich durchgeführt. Hierbei wurde nach Ausbreitungsmuster und Stadium der Erkrankung ein risikoadaptiertes Konzept erstellt, das im Studienprotokoll verankert ist. Die parallel dazu in der Vergangenheit gewonnen Erfahrungen in den multizentrischen Studien SIOP/ GPOH LGG, HIT GBM A,B,C und HIT REZ 97 bilden die zusätzliche Grundlage der radioonkologischen Konzeption der Folgestudien. Dem HIT 2000 Konzept angepasste, analoge radioonkologische Strategien prägen daher die aktuell aktivierten Hirntumorstudien SIOP/GPOH LGG 2003, HIT GBM D und HIT - REZ 2005.

Mit Aufnahme der Tätigkeit der einzelnen Referenzzentren konnte sich eine formalisierte Netzwerkstruktur etablieren, die zu einem zunehmenden Erfahrungsgewinn führte. Hieraus haben sich neue Aspekte entwickeln können, wie Netzwerkstrukturen optimal funktionieren und aufeinander abgestimmt werden sollten.

Die Aufgaben des Referenzzentrum Strahlentherapie sind thematisch sehr vielfältig und umfassen folgende Teilgebiete:

  1. Wissenschaftliche Bearbeitung primärer radioonkologischer Fragestellungen
  2. Radioonkologische Begleitstudien bzw. -analysen.
  3. Qualitätssicherungsprozesse
  4. Sicherstellung einer flächendeckenden, hochwertigen Radiotherapie für die Gesamtbehandlung aller Hirntumoren im Kindesalter, unabhängig von klinischen Studien

Das Tätigkeitsspektrum erfordert zur optimalen Effizienz eine enge Einbindung in die übrigen Referenzeinrichtungen:

  • Neuropathologie
  • Neuroradiologie
  • Neurochirurgie

Die Netzwerkfunktion zeigte einen Qualitätsgewinn und Informationsgewinn, der schließlich zum Beispiel in die Konzeption einer Studie für seltene Tumoren mündet (atypisch teratoide Rhabdoidtumoren). Das Hirntumornetzwerk konnte dadurch international deutlich aufholen.
Dabei zeigte sich, dass die Arbeit im wesentlichen in wissenschaftliche Pakete (Radioonkologie als primäre Studienfragestellung) und Referenzleistungen (Netzwerkfunktion) unterteilt werden kann.

III.1. Personalstruktur

Innerhalb dieser Aktivitäten entstand eine intensive interdisziplinäre Kooperation zwischen den beteiligten Fachdisziplinen, die schließlich in das Kompetenznetzwerk der pädiatrischen Onkologie der GPOH integriert wurde (Pädiatrische Onkologie, Neurochirurgie, Neuropathologie, Neuroradiologie und der Bereich Therapiefolgen/Lebensqualität). Im Zuge dieser Entwicklungen etablierte sich in Tübingen das Kompetenzzentrum Strahlentherapie für Hirntumoren im Kindesalter der GPOH in Deutschland (finanziert durch die Deutsche Kinderkrebsstiftung).

Arbeitsgruppe / Tübingen (bis 31.12.2004)
J. Scheiderbauer*, B. Timmermann, E. Dannenmann-Stern*, E. Rex*, S. Metzger, S. Kay.

Arbeitsgruppe Leipzig (seit 1.7.2004, bzw. 1.1.2005)
M. Hindemith#, S. Klagges* (ab 1.7.2005) (bis 30.6.2005), A. Klein*., E. Hildebrandt# (bis 1.1.2005), N.-K. Bär# (bis 30.6.2005), E. Dannenmann-Stern# (bis 31.12.2006) , A. Lehmann* (seit 04/2007), N.Talhi#, S. Strauß*(bis 02/2007)

* gefördert von der Deutschen Kinderkrebsstiftung
# Eigenbeteiligung

III.2. Netzwerkstruktur / Kooperationspartner

Die zunehmende Zahl der klinischen Studien und die Fortschritte bei der Entwicklung der Netzwerkstruktur führte inzwischen zu einem engen Verbund von Kooperationspartnern, in die das Studien- und Referenzzentrum Strahlentherapie eingebettet ist. Das Netzwerk stellt die Verbindung mit den behandelnden Kliniken her (Kinderklinik, radioonkologisches Institut, ggf Neurochirurgie, in seltenen Fällen auch Hämatoonkologie bei Jugendlichen über 18 Jahren). Die Protonentherapie bietet in Einzelfällen einen Behandlungsvorteil, so dass das Paul Scherrer Institut Villigen, Schweiz in das Netzwerk aufgenommen wurde.

Kooperationspartner der GPOH (pädiatrische Onkologie):

A.K. Gnekow (Augsburg): SIOP GPOH LGG 2003
U. Göbel (Düsseldorf),  
G. Calaminus (Münster)
Lebensqualität
G.Calaminus (Münster)
SIOP CNS-GCT
S. Rutkowski (Würzburg)
HIT 2000
PD Dr. C.Kramm (Halle) HIT GBM/HIT HGG
U. Bode, G. Fleischhack (Bonn) HIT REZ
H. Müller (Oldenburg) Kraniopharyngeom 2000
M. Warmuth-Metz (Würzburg) Referenzeinrichtung Neuroradiologie
Th. Pietsch (Bonn) Referenzeinrichtung Neuropathologie
N. Sörensen Referenzeinrichtung Neurochirurgie

Kooperationspartner / Protonentherapie
B. Timmermann (Villigen / Schweiz)

Abbildung Vernetzung des Referenzzentrums Plus Symbol
Abbildung 1. Vernetzung des Studien- und Referenzzentrums Strahlentherapie mit den Kliniken, Studienzentralen und Referenzeinrichtungen

III. 3. Synergieeffekte

Es ergeben sich teilweise Überlappungsbereiche zwischen wissenschaftlichen Fragestellungen, Qualitäts- und Referenzleistungen (Arbeitspakete 1 bis 4), die aus der gemeinsamen radioonkologischen Bearbeitung aller Hirntumorstudien zu leitlinienrelevanten Radiotherapiekonzepten führen. Zwischen den studienspezifischen radioonkologischen Leistungen und den einzelnen Arbeitspaketen entstehen Synergieeffekte, die schließlich in ein verbessertes radioonkologisches Gesamtmanagement münden.

Die prospektiven Studien sind darauf ausgerichtet ,die Heilungsraten zu steigern und gleichzeitig das Nebenwirkungsrisiko der betroffenen Kinder und Jugendlichen zu kontrollieren. Die Grundkonzeption der Strahlentherapie ruht auf zwei wesentlichen Säulen, die innovativ die aktuelle Studie HIT 2000 und die Folgestudien SIOP / GPOH LGG 2003, HIT GBM D und HIT REZ 2005 prägen.

1. Risikoadaptierte Bestrahlung

Innovative chemotherapeutische Behandlungskonzepte werden in den Studien risikoadaptiert appliziert und untersucht. Korrespondierend wird eine Bestrahlung in der überwiegenden Mehrheit der Fälle durchgeführt, die diesen Strategien angepasst wird. Es ist daher erforderlich, die korrekte Bestrahlung für jeden Patientenfall sicherzustellen, um ein optimales reproduzierbares Behandlungsergebnis zu erzielen. Entsprechend der Therapieprotokolle wird die Bestrahlung risikoadaptiert nach:

  • dem Patientenalter (keine Bestrahlung bzw. herabgesetzte Dosis bei jüngeren Kindern),
  • der Tumorausdehnung zum Zeitpunkt der Diagnose (intensivere Bestrahlung bei metastatischer Erkrankung),
  • Resttumor nach Operation bzw. nach Abschluss der Bestrahlung (etwaige Aufsättigung)
  • und nach eventuell vorliegenden Ko-faktoren (keine primäre Bestrahlung bei Neurofibromatose bei niedrigmalignen Gliomen)
  • Tumorentität (HIT REZ 2005)
  • Art der Primärtherapie (HIT REZ 2005)

durchgeführt.

2. Vernetzung der Referenzzentren

Ein wesentliches Element für die Gewährleistung einer optimalen risikoadaptierten Radiotherapie ist die enge Kooperation mit den übrigen Referenzzentren, vor allem der Neurochirurgie (NC), Neuropathologie (NP) und Neuroradiologie (NR). Die Vernetzung zwischen den Referenzzentren ermöglicht schließlich eine zuverlässige stadienadaptierte Bestrahlung. Das Konzept hat sich in der laufenden HIT 2000 Studie bewährt.

3. Studienübergreifende Strahlentherapiestandards

Die bisherige wissenschaftliche Arbeit des Referenzzentrums mit Analyse der radioonkologischen Daten lassen folgende praxisrelevante Schlussfolgerungen erwarten.

Allen individuellen Bestrahlungsfällen und Studien gemeinsam sind die Bestrahlungstechniken, die Grundlagen der Dosierung, der Dokumentation und der Maßnahmen zur Qualitätssicherung. Auf diesen Grundsätzen beruhte die bisherige Projektarbeit des Kompetenzzentrums Strahlentherapie bei der Betreuung der Studie HIT 2000 für die unterschiedlichen Tumorentitäten Medulloblastom, Ependymom und stPNET. Dieses Vorgehensweisen haben sich in der bisherigen Projektarbeit bewährt.

Die Inhalte des bisherigen Projektes müssen in Zukunft auch auf die demnächst beginnenden bzw. kürzlich aktivierten Therapiestudien übertragen werden.

Hieraus ergeben sich studienübergreifende Standards für die Bestrahlung in:

  • Technik
  • Dosierung
  • Dokumentation
  • Qualitätssicherung

Es wird erwartet, dass das durch Standardisierung des radioonkologischen Gesamtmanagements für alle Hirntumorarten im Kindes- und Jugendalter eine generelle, konsekutive Verbesserung des therapeutischen Ergebnisses (Heilungsraten bei reduziertem Nebenwirkungsrisiko) erreicht wird.

4. Erkrankungsspezifische Therapieplanung und Durchführung

Präzise Richtlinien für Therapietechnik und Bestrahlungskonzepte sind risikoadaptiert auf Patientenalter, Tumorart und Ausdehnung ausgerichtet und wesentlicher Bestandteil der aktuellen und zukünftigen Protokolle. Die Realisierung im Rahmen einer multizentrischen Therapieoptimierungsstudie setzt eine hohes Qualitätsniveau voraus, erfordert eine enge Kooperation mit den beteiligten strahlentherapeutischen Instituten und eine zentral gesteuerte, individuelle strahlentherapeutische Beratung durch eine ärztliche Fachkraft. Hierbei werden klinische Qualitätssicherungsprozesse zwischen Studienzentrale und ausführendem Institut etabliert, die darauf ausgerichtet sind, eine kontrollierte und reproduzierbare Bestrahlung für jedes Kind zu gewährleisten. Dabei wird vor Einleitung der Strahlentherapie für jedes Kinds ein Therapieschema von der Studienzentrale in Leipzig erstellt und in Zusammenarbeit mit dem durchführenden Institut überprüft und anschließend realisiert. Der weitere Therapieverlauf wird hinsichtlich der Verträglichkeit der Bestrahlung, vor allem wenn sie in Kombination mit einer intensiven Chemotherapie durchgeführt wurde, erfasst. Die Verwirklichung dieser engen Betreuung und Qualitätskontrolle zwischen Zentrale und durchführendem Institut erfordert einen kundigen Arzt, der nach Sichtung der Patientendaten und gegebenenfalls der Bildgebung einen Therapieplan erstellt und die Verträglichkeit der Bestrahlung beurteilen kann.

5. Technikspezifische Therapie und Qualitätssicherung

Parallel hierzu wird aufbauend auf den Erfahrungen der prospektiven Qualitätssicherungsprogramme der Studie HIT `91 die korrekte Positionierung der Therapiefelder (geometrische Präzision), die Bestrahlungstechniken und Dosiskonzepte im Rahmen einer Qualitätssicherungsbegleitstudie prospektiv erfasst. Protokollvorgaben werden sowohl mit der realisierten Bestrahlung als auch mit dem klinischen Ergebnis verglichen zu dem Zweck, eine weitere Optimierung der Bestrahlung zu erreichen.

Kooperation mit Referenzzentren

Ein wesentliches Element zur Sicherstellung einer korrekten Strahlentherapie ist die Vernetzung mit den Referenzzentren. In nahezu allen Fällen erfolgte eine Kooperation mit den Referenzzentren Neuropathologie, Neuroradiologie und Neurochirurgie.

Hierbei ist vor allem die Neuroradiologie / Würzburg und die Neuropathologie / Bonn zu nennen. (Details sind dem Zwischenbericht zu entnehmen sowie dem Antrag von Frau PD. Dr. M. Warmutz-Metz und Prof. Dr. Th. Pietsch).

Hierdurch konnte eine zuverlässige erkrankungsspezifische und risikoadaptierte radioonkologische Empfehlung abgegeben werden.
Im Zuge der standardisierten und operationalisierten Kooperation mit der Studienzentrale Würzburg und den Referenzzentren hat sich folgender Algorithmus bewährt (Abbildung 2).

Abbildung2-Referenzzentrum Plus Symbol
Abb. 2 : HIT 2000 / Algorithmus des Informationsaustausches
Darstellung der operationalisierten (SOP) Kommunikationswege zwischen den teilnehmenden Zentren, dem Deutschen Kinderkrebsregister Mainz, der Studienzentrale Würzburg und dem Referenzzentrum Strahlentherapie der HIT 2000 Studie

 
Letzte Änderung: 14.04.2015, 12:17 Uhr
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